Ironman Italy

24. September 2018, 5:49 Uhr
geschrieben von Thomas Spreitzer

Ein Heimspiel

Am 22.9.2018 um ca. 18.05 Uhr Ortszeit war es so weit. Aus dem Lautsprecher ertönten für mich zum ersten Mal die Worte, denen so viele Triathletinnen und Triathleten entgegenfiebern, die sich für eine Langdistanz vorbereiten: „You are an Ironman".

Der Schock

August 2017, ich bin mitten in der Vorbereitung auf den Ironman Barcelona am 30.9.2017 und bin auf Kurzurlaub in der Steiermark. Plötzlich beginnen mich starke Bauchschmerzen zu plagen. Zuerst gehe ich noch von einer harmlosen Darmgrippe aus, als sich die Beschwerden aber nicht bessern, suche ich die im Ort ansässige Ärztin auf. Nach einer kurzen Untersuchung, auch mit einem Ultraschallgerät, werde ich vor die Wahl gestellt, mich von einem Angehörigen ins Ordensspital in Friesach bringen zu lassen oder die Rettung zu rufen. Eine konkrete Diagnose gibt es nicht, es konnte aber immerhin festgestellt werden, dass ich zu viel Flüssigkeit im Bauchraum habe. Im Spital angekommen, werde ich stationär aufgenommen. Nach einigen Untersuchungen kommt schließlich der Chirurg zu mir und meint, dass etwas in meinem Bauchraum nicht stimmt. Was es ist, lässt sich aber auf den Ultraschall und CT-Bildern nicht erkennen. Auch aus den Auswertungen diverser Körperflüssigkeiten sind die Ärzte nicht schlau geworden. Der Chirurg teilt mir also mit, dass er gerne in meinen Bauch schauen würde, um den Beschwerden auf den Grund zu gehen. Wenige Stunden später bin ich auch schon im OP...

Die Unterbrechung einer Reise

Als ich aufwache spüre ich aber sofort, dass der Druck im Bauch endlich weg ist, dafür kommen zwei Schläuche aus mir heraus... Bei der Visite wird meine restliche Hoffnung zerstört. Man kann mir zwar endlich mitteilen, was ich hatte, nämlich eine Einblutung im Fettgewebe zwischen den Darmschlingen, verursacht durch einen Sturz beim Mountainbiken ca. drei Wochen zuvor, aber mir wird auch ein sechswöchiges Sportverbot erteilt. Dennoch wage ich zu fragen, ob ein Start beim Ironman in Frage kommt. Den entsetzten Gesichtsausdrücken folgt der relativ barsche Hinweis, dass das nicht möglich ist in meinem gesundheitlichen Zustand. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als ein Selfie von mir im Krankenbett zu machen und meinen Coach Vincent Hummel sowie meinen Freund und Trainingspartner Rene von meinem unfreiwilligen Saisonende zu berichten.

Neue Ziele, neue Wege

Die unfreiwillige Pause nutzte ich aber, um mir Gedanken über neue Ziele und meine nächste Saisonplanung zu machen. Sehr bald - und nach vorsichtigem, aber häufigem Nachfragen von Vincent - entschloss ich mich dazu, vom Halb-Monkey zum Ganz-Monkey zu werden und löste meine Triathlonlizenz 2018 beim Sports Monkeys Triathlon Club. Auch ein neuer Ironman ist bald gefunden: Ironman Italy 2018 in Cervia, also quasi ein Heimrennen. Schließlich habe ich schon viele Trainingscamps in Cesenatico verbracht, nur einen Steinwurf vom Start des Ironman Italy entfernt. Und zudem auch Ort des Ostertrainingslagers der Sports Monkeys.

Die Entscheidung für die Sports Monkeys zu starten war der Auftakt zu einer wunderbaren Saison mit vielen gemeinsamen Highlights und neuen Erfahrungen. So war es ein wahrer Genuss mit dem wunderbaren Team im Laufe des ÖTRV Vereinscups zahlreiche Punkte zu sammeln, wobei auch der Spaß nie zu kurz kam. Dadurch konnte ich in diesem Jahr nicht nur meinen sportlichen Ehrgeiz verwirklichen, sondern dank der großartigen Meisterschaftsmannschaft und dem immer motivierten Support jede Menge schöne Erinnerungen sammeln. Daher war es auch schon vor meinem Antreten in Italien klar, dass unabhängig vom Ergebnis, diese Saison für mich eine sehr erfolgreiche war, die auch durch einen Defekt oder sonstigen Umständen, die ein Finishen beim Ironman nicht zugelassen hätten, nicht verdorben werden konnte.

Von Höhen und Tiefen

An all das denkend, hätte ich am Renntag also entspannt zum Start spazieren können und ganz gemütlich mein Programm runterspulen können. Aber wie es nun einmal so ist, dominieren in der Situation der Ehrgeiz, das Ziel (so schnell wie möglich) sehen zu wollen, die Sorge es nicht zu schaffen und die übliche Nervosität vor dem Start (sogar mehr als üblich). Ich war also sehr froh als ich gemeinsam mit ca. 2800 anderen Athletinnen und Athleten endlich ins Meer losgelassen wurde und das Rennen starten durfte.

Gestartet wurde das Schwimmen mit einem „Rolling Start", damit nicht alle 3000 Athletinnen und Athleten auf einmal ins Wasser laufen und sich gegenseitig erschlagen. Zu absolvieren war die 3,8 Kilometer lange Schwimmstrecke in der Adria. Die Profis mussten auf den Neoprenanzug verzichten, weil die Wassertemperatur 24,8 Grad Celsius betrug und damit um 0,3 Grad zu warm war. Für die Age Group Athleten hatte man sich zur Begründung für die Freigabe des Neoprenanzuges auf die derzeit herrschende „Quallenplage" berufen. Meiner Meinung nach eine sehr gewagte Entscheidung, denn die Gefahr der Überhitzung war sicherlich gegeben und auch mir wurde richtig warm im Neoprenanzug.

Nach etwas mehr als 2 Kilometern gab es einen kurzen Landgang (Australian Exit), bei dem man von zahlreichen Zuschauern lautstark angefeuert wurde und mit zusätzlicher Motivation wieder in die Fluten sprang um noch einmal mit den vielleicht nicht ganz so zahlreich vorhandenen Quallen zu tanzen. Nach 59 Minuten und 40 Sekunden war das Schwimmen für mich erledigt und ich begab mich auf den Weg in die Wechselzone, um die Disziplin in Angriff zu nehmen, die mir den meisten Respekt einflößte, weil bei einer so langen Radausfahrt doch einiges passieren kann.

Beim Radfahren hieß es dann zwei überwiegend flache Runden zu absolvieren, die einen auch an Salzseen vorbeiführten, in denen Flamingos leben. Der einzige Anstieg führte in den malerischen Ort Bertinoro. Dort fuhr man durch die reizvolle Altstadt mit ihren engen Gassen, durch hunderte von laut anfeuernden Tifosi. Durch das Publikum frisch motiviert ging es wieder Richtung Meer. Dank der zahlreichen Trainingskilometer - dabei teilweise angetrieben und motiviert von unserem Kona-Starter Davide und dem sportlich erfolgreichsten Monkey dieser Saison Vincent - fühlte ich mich auf der ersten Runde richtig wohl und erreichte wie geplant nach 2 Stunden und 30 Minuten den Wendepunkt. Auf der zweiten Runde musste ich dann allerdings den steigenden Temperaturen jenseits der 30 Grad Celsius und dem auffrischenden Wind Tribut zollen und meine Radleistung nahm stetig ab. In meiner Verzweiflung ließ ich mich bei Kilometer 140 dazu hinreißen, mich an eine der vielen Radgruppen anzuhängen. Dies allerdings nicht nach lange, denn nach kurzer Zeit hörte ich bereits ein sich von hinten näherndes Motorrad. Kurz keimte in mir noch die Hoffnung auf, dass nun tolle Fotos für das Familienalbum entstehen werden, doch es kam anders. Anstatt eines Kameraobjektivs wurde mir eine blaue Karte entgegengestreckt - 5 Minuten Penalty. Diesen verbrachte ich in einer schattigen Penalty-Box und konnte mich zugegebener Maßen ein wenig erholen. Tatsächlich hatte ich nach meiner Zwangspause wieder einen wesentlich besseren Tritt als vorher und kam auch wieder besser voran - alleine! Schlussendlich stieg ich dann nach 5 Stunden und 26 Minuten vom Rad und konnte endlich den abschließenden Marathon in Angriff nehmen.

Das Laufen: Meine Lieblingsdisziplin beim Triathlon und (eigentlich) meine Stärke. Vier Runden entlang der Küstenstraße und durch die Altstadt von Cervia samt Kopfsteinpflaster hieß es nun zu bewältigen. Und das bei einer Außentemperatur von immer weit über 30 Grad Celsius und wenig Schatten. Trotz der bereits überstandenen Strapazen und den schwierigen äußeren Bedingungen, konnte ich sehr schnell meinen Rhythmus finden und mit einer sehr guten Pace die erste Runde laufen. Auf der zweiten Runde dann aber der erste Schock. Wie aus dem nichts bekam ich Seitenstechen. Dieses bekam ich aber noch durch ein kurzes Stückchen Gehen und einer kleinen Taktikänderung in den Griff. Ab nun ging ich in den Labestationen und verpflegte mich nicht mehr bloß im Vorbeilaufen. Tatsächlich konnte ich so meine Pace sehr gut halten und war guter Dinge, dass ich auch die dritte und vierte Runde gut überstehen werden. Aber leider kamen in der dritten Runde neuerlich Schmerzen im Bereich des Zwerchfells und diesmal begleiteten sie mich länger. Durch eine Anpassung meines Laufstils, ich beugte den Oberkörper weit nach vorne und sah wahrscheinlich wie ein umgefallenes „L" aus, wurde es etwas besser. Am Ende der dritten Runde war ich dann sogar wieder im Stande mich aufrecht fortzubewegen. In der vierten Runde wiederholte sich zwar das Ganze noch einmal, aber dieses Mal wusste ich was zu tun ist. Auf den letzten eineinhalb Kilometern konnte ich dann sogar einen richtigen Zielsprint hinlegen und mit einer Laufzeit von 3 Stunden und 35 Minuten sowie einer Gesamtzeit von 10 Stunden und 13 Minuten das Rennen beenden. Nun darf ich mich ganz offiziell „Ironman" nennen und habe damit mein großes Saisonziel erreichen.

An dieser Stelle möchte ich auch Vladimir Lyssenko Senior und Junior zu ihrer tollen Leistung beim Ironman Italy 2018 gratulieren. Auch unsere beiden Vereinskollegen erreichten das Ziel nach beachtlichen Vorstellungen.

Aber wer rastet der Rostet. Daher werden bereits Pläne für nächstes Jahr geschmiedet. Hoffentlich wieder mit vielen gemeinsamen Rennen und Erlebnissen.

Besonderer Dank gilt natürlich, neben dem tollen Trainerteam und den wunderbaren Trainingskollegen, Cornelia, die mich nicht nur während des Ironman in Italien großartig unterstützte, sondern das ganze Jahr über meine manischen Phasen im Wechsel mit meinen Zweifeln ertragen musste.

Sunpie Agency