Ironman Thun

20. September 2021, 15:20 Uhr
geschrieben von Fabian Trevisan

#IronmanDieErste
RACE DAY – Ironman Thun 05.09.2021

Wecker 3.15 Uhr. Scheiße. Ich habe zu gut geschlafen. Ich bin nur einmal aufgewacht, bin aufgesprungen und habe auf die Uhr geschaut und gesehen, dass es gerade mal 0.30 Uhr ist. Was ist da los? Warum bin ich nicht wie sonst öfters aufgewacht, schlecht eingeschlafen und mit einem Kribbeln aufgewacht? Egal, erst mal frühstücken.

Morgenroutine abarbeiten und hoffen, dass nichts vergessen wird bzw. alles funktioniert. Die Kleidung wurde akribisch vorbereitet, die Verpflegung ebenso, Sachen zusammenpacken und in die Wechselzone. Reifen aufpumpen, Getränkeflaschen und Reparaturkit befestigen. Raus aus der Wechselzone und aufwärmen. Bei mir sind meine Partnerin Kathi und meine Eltern. Ich gehe meinem Aufwärmprogramm nach, Kopfhörer rein und die Musik aufgedreht. Überall wuseln Zuschauer:innen und Athlet:innen, es ist unruhig und noch dunkel. Erst gegen 6:30 kommt so langsam Licht ans Gelände. Neo an, ab zum Schwimmstart. Der See ist traumhaft gelegen, die riesigen Berge, die sich in den letzten Tagen hinter Wolken versteckten, werden so langsam sichtbar, Eiger, Jungfrau und Mönch sind direkt im Blick. Die Nervosität? Ist definitiv da. Es kribbelt, überall. Der Puls schlägt hoch, ich kann nicht stillstehen. Die Profis gehen ins Wasser, ich schaue mir nochmal die Orientierungsbojen an. Ich verabschiede mich von meiner Freundin und meinen Eltern, die mir mit Tränen in den Augen alles Gute wünschen und sagen, dass sie im Ziel auf mich warten. Ich begebe mich zu meinem Schwimmblock. Mir schießen ebenfalls Tränen in die Augen. ES GEHT LOS, VERDAMMT!

Rolling Start, vier Athlet:innen auf einmal. Ich starte los. Relativ schnell habe ich einen Rhythmus gefunden und durch das Orientieren sowie durch das Umschwimmen von Anderen bin ich beschäftigt und komme ganz gut weiter. Ich fühle mich wohl, kann teilweise noch genießen, wie die Berge mehr und mehr angestrahlt werden. Nach ca. 40 Minuten merke ich irgendwas in meinem rechten hinteren Oberschenkel. Krampf. Echt jetzt? DA?? Und jetzt schon? Ich habe doch noch ein biiisschen was vor mir. Ich versuche ruhig zu bleiben. Ich fange innerlich an mit meinem Körper zu reden. Ich bedanke mich bei ihm, dass er mich bis hier her gebracht hat und dass ich ihm das alles abverlangen kann und versichere ihm, dass ich nichts von ihm verlangen werde, wo ich nicht zu 100% davon überzeugt bin, dass er es auch kann. Sollte es zu irgendeinem Punkt heute nicht mehr gehen, ist das eben so. Aber noch nicht jetzt. Der Krampf vergeht, mein Beinschlag ist quasi nicht vorhanden, dank Neo kein Problem. Fühlt sich aber trotzdem komisch an. Letzte Wendeboje voraus, es geht zurück in Richtung Bootshafen zum Schwimmausstieg. Ich gehe im Kopf die Schritte in der Wechselzone durch. Kurz vor Ende krampft es nochmal aber da muss ich jetzt einfach durch und schauen, was passiert, wenn ich auf den Beinen bin. Die ersten Meter gehumpelt, Neo aufmachen und dann locker in die Wechselzone laufen. Es funktioniert, Krampf ist weg. Ich schaue auf die Uhr, drücke die Lap-Taste: 55min. Hä? Verdammt. Habe ich abgekürzt? Aber wo? Keine Zeit für weitere Gedanken. Kurz vor der Wechselzone sehe ich meine Familie, sie schreien und jubeln, sie wissen nicht, dass meine Zweifel, das Ziel zu erreichen gerade recht groß sind und wahrscheinlich ist das auch gut so. Nicht mit so viel Euphorie wie sonst, aber dennoch kommt mir ein Lächeln über die Lippen und ich winke.

Der Wechsel lief reibungslos, ich bin auf der Radstrecke. Jetzt wieder das Mantra „Rhythmus finden und zurückhalten – der Tag wird lang“. Ich versuche mich regelmäßig zu verpflegen, genügend Iso zu mir zu nehmen, nicht zu überpacen UND zu genießen! Auf der Strecke sind einfach wunderbare Unterstützer:innen, viele Leute, die unermüdlich die Kuhglocken läuten, „Allez!“ und „Hopphopp!“ rufen, zwei Musikkapellen, eine davon in traditioneller Kleidung, all das zaubert mir immer wieder ein Lächeln ins Gesicht. Ab ca. KM 70 fühlt sich irgendwas nicht gut an, ich fühle mich unwohl, das Sitzen fühlt sich komisch an, ich will nicht mehr in Aeroposition. Habe ich irgendwas vergessen? Eigentlich nicht. Da schießt mir die Frage von meiner Mutter am Vorabend in den Kopf: „Was machst du eigentlich, wenn du mal auf Klo musst auf dem Rad?“ Meine Antwort: „Das ist so ein bisschen ein Mythos, was man da macht. Es gibt wohl Leute, die einfach laufen lassen und zwar nicht das Rad, aber ich muss mir da zum Glück keine Gedanken machen, weil ich musste bisher bei den Trainingsausfahrten, bei bis zu 200km, nie auf Klo“. Naja, oder eben doch. Jetzt zerreißt es mir fast den Unterleib und ich habe noch nicht mal die Hälfte. Es zeichnet sich ab, dass zurückzuhalten bis zum Ende keine Option ist. Ich drehe mich um und schaue, ob wer direkt hinter mir ist. Ein bisschen schmunzelnd über die Absurdität der Gedanken, bringe ich es nicht übers Herz, mich einzunässen, da es auf die paar Minuten bei mir auch einfach nicht ankommt und steuere bei der nächsten Labestation bei KM 94 das Dixiklo an. Erleichtert im doppelten Sinn, fühle ich mich wieder richtig gut und habe einfach Bock auf die zweite Runde. Winkend und lächelnd an den Anfeuernden vorbei, will ich eine Geste der Dankbarkeit übermitteln. Ich schaue immer wieder auf meinen Radcomputer, ich bin etwas unter der angepeilten Leistung, aber das macht mir nichts. Ich merke, dass es heute einfach aufs Durchkommen ankommt, da ich schon früh von dem unterwarteten Krampf überrascht wurde und mein Ziel es auch war, den abschließenden Marathon durchlaufen zu können. Abgesehen davon war es mein Ziel, die Radstrecke mit den 2200 hm unter 6 h zu absolvieren und das war auch mit der aktuellen Leistung im Bereich des Möglichen. Ich genieße die Radstrecke, immer wieder bin ich überwältigt von der Schönheit der Natur. Bei der zweiten Runde merke ich die Höhenmeter etwas deutlicher als bei der ersten, ich hätte aber auch etwas falsch gemacht, wenn nicht. Nochmal eine Pinkelpause bei KM 162, diese Erleichterung danach ist die ca. zwei Minuten Zeitverlust definitiv wert. Jetzt heißt es nur noch, das Ding sicher in die Wechselzone zu bringen, höchste Konzentration bei den Abfahrten und kein unnötiges Risiko. Die Streckenabsperrungen werden mehr, ich fahre parallel zur Laufstrecke und sehe schon einige Läufer:innen. Kurz vor der Wechselzone wieder viele Menschen, es wird laut. GEIL! Ich sehe meine Familie, jetzt ist auch noch mein Onkel mit seiner Frau dazugekommen mit einem riesigen Banner wo „Fabian Ironman 2021“ draufsteht. Stimmt. Deswegen bin ich ja hier. Meine Eltern und meine Freundin Kathi geben mir nochmal Aufschwung in die Wechselzone. Was für eine geniale Radstrecke!

Nochmals schnell zum Dixi und dann ab in die Laufschuhe. YES! Jetzt nur noch den Marathon. Nur. Noch. Es klingt schon ein wenig bescheuert. Es geht über drei Runden und es ist mittlerweile schon ziemlich warm, aber ich bin froh auf der Laustrecke zu sein. Ich starte schnell und fühle mich langsam – Klassiker! Aber ich habe gelernt, mich zurückzunehmen und bewusst langsamer zu laufen. „Der Tag wird immer noch lang“. Ich laufe an der ersten Labestation vorbei, nehme Wasser und weiter geht’s. Irgendwann habe ich das Gefühl, ich habe was vergessen. Achja! Verpflegen! Nach ca. 3 km sticht es mir im Magen, es läuft nicht ganz rund. Okay, ich merke, das wird kein Spaziergang – oder doch, aber das wollte ich ja vermeiden. Ich lege mir einen Plan zurecht: Bei der einen Labestation Gel + Wasser, bei der anderen Suppe + Wasser. Iso geht nicht mehr. Zusätzlich nicht mehr auf die Uhr schauen, die Distanz sehe ich eh in regelmäßigen Abständen. Ab jetzt heißt es auf den Körper hören, hören was er wann braucht und ihn wieder in Balance zu bringen und zu halten. Es dauert ca. 15 km bis ich in den Flow komme und eine gewisse Routine bekomme, ich merke, dass ich langsamer laufe als ich es mir vorher ausgemalt hatte, aber auch das macht mir überhaupt nichts aus. Ich spüre, dass es um viel mehr geht als Zeit. Ich bin hier um zu lernen. Die Laufstrecke ist ebenfalls wunderschön, verläuft am See und durch die traumhafte Altstadt von Thun. Meine Familie hat sich aufgeteilt, sie warten an verschiedenen Stellen auf mich und feuern mich an, jedes Mal ein Aufschwung und für kurze Zeit ist der Schmerz in den Beinen vergessen. Aber wirklich kurz. Die zweite Runde läuft körperlich gut, vom Kopf her zäh. Aber man läuft pro Runde zwei Mal am Zielgelände vorbei, man hört immer wieder „You are an Ironman“. „Das werde ich sein. Bald. Ganz bald“, sage ich mir. So langsam fängt es an richtig weh zu tun und so richtig runter geht mir auch nichts mehr. Gel geht nicht mehr, Iso schon lange nicht mehr, Suppe und Wasser sind meine Hoffnung. Ich nehme Cola, spüle es im Mund und spucke es wieder aus. Ich will nix Süßes mehr sehen. Ich versuche eine Banane zu essen. Keine Chance – und das als Monkey! Ich bin aber auf der letzten Runde und ich laufe immer noch. Ich überhole viele, die gehen. Diese überholen mich dann später wieder, direkt vor der nächste Labestation, um dann dort stehen zu bleiben und zu verweilen. Ich versuche mich ruhig zu verhalten, obwohl das Ausweichmanöver Schmerzen verursacht und Kraft kostet, die ich auch brauche. Sei’s drum. Ich bin bald da. Ich will eigentlich nur noch „nach Hause“, hören „You are an Ironman“, Kathi und den Rest meiner Familie in den Armen halten und mich nicht mehr bewegen. Jeder Schritt fühlt sich an wie „all out“ an der Beinpresse. Ich bedanke mich bei jeder Labestation, die ich zum letzten Mal passiere, bei all den freiwilligen Helfer:innen, ohne die man eine solche Leistung nicht abrufen kann. Lächeln und Daumen nach oben ist nicht immer möglich, so sehr es auch versuche. Von den anderen Wettbewerben kenne ich es, dass auf den letzten 1,5 km – 2 km die Beine nochmal leicht werden. Ich passiere die 40 km-Marke. Nope. Nichts. Tut weh. Ist schwer. Meine Uhr vibriert, ich schaue nicht hin, aber weiß, noch 1 km! Meine Beine wissen es noch nicht, tun immer noch weh, werden immer noch nicht leicht.

Aber dann. Ich sehe den blauen Hoka-Teppich, der kurz vor der Abbiegespur in den roten IM-Teppich übergeht. Ich hebe die Faust, die Leute sehen das, sie werden laut, sie rufen meinen Namen, sie rufen „du hast es geschafft“. Ich biege in den Zieleinlauf ein, es wird nochmal lauter, die Zuschauer:innen schlagen auf die Banden, ich suche Kathi, ich kann sie leicht finden, hängt doch das riesige „Fabian“-Banner vor ihr. Ich schreie. Laut. Sehr laut. Ich gebe Kathi den obligatorischen Zieleinlauf-Kuss und mache mich auf den Weg zu den Worten, auf die ich lange hingeträumt und hart hingearbeitet habe. Mich überkommt es nochmal und ich schreie noch drei Mal laut auf, die Menge feiert mit mir und wird auch nochmal laut. Ich laufe über die Ziellinie. I AM AN IRONMAN. Kaum die Ziellinie überschritten, fangen meine Beine an zu krampfen. Wahnsinn. Ich beuge mich nach vorne, bekomme meine Medaille und nutze es, um meine Beine zu dehnen – ein paar Minuten lang. Dann gehe ich raus und nehme meine Familie in den Arm, so, wie ich sie elfeinhalb Stunden vorher verabschiedet hab – mit Tränen in den Augen. Wie man sich fühlt? Bilder sagen mehr als Worte – wirklich!

Ich möchte mich bedanken, bei Kathi, die in all der Vorbereitungszeit, in jeglichen Situationen für mich da war und mich immer unterstützt hat. Genauso wie meine Eltern, die mit mir mitgefiebert haben und immer an mich geglaubt haben. Ohne sie wäre ich nicht wer ich bin und wo ich bin. Auch meinem Onkel und seiner Frau sei gedankt, die den Weg auf sich genommen haben, um mich zu unterstützen. Ein großer Dank gilt auch meinem Coach Vinc, der mir immer mit Rat und Tat beiseite stand!

Übrigens wurde die Schwimmstrecke kurzfristig auf 3 km verkürzt, ohne den Athlet:innen etwas zu sagen. Ich war einfach nur froh, nicht disqualifiziert zu werden ;)
Zeit: 11:21:26
Schwimmen: 55:15
Rad: 5:50:21
Laufen: 4:27:27

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