Heißer Herbst in Valencia - oder doch nicht?

2. Oktober 2021, 14:47 Uhr
geschrieben von René Stahl

Das Jahr 2021 fing an, wie das alte geendet hatte, man konnte kaum (vor)planen. So standen für mich nur 2 Fixpunkte fest - die Mitteldistanz in Obertrum im Juli und der VCM Halbmarathon im September. So wurde von meinem Trainer Matthias ein Trainingsplan erarbeitet und mit dem Triathlon in Neufeld (OD) als Vorbereitung auf meinen Saisonhöhepunkt ein Bewerb dazu genommen. Doch Rudi - unser Silberrücken - und Robert meinten bei irgendeiner unserer unzähligen Radausfahrten, dass ich unbedingt den Mostiman und den Aquathlon in Linz machen sollte. Dass die olympische Distanz in Wallsee nur eine Woche nach Obertrum veranstaltet würde, könne für mich überhaupt kein Problem sein, es sei ja nur eine Kurzdistanz und die beiden würden ja auch starten, ich würde schon Vereinspunkte machen, auch wenn die Beine etwas schwerer sein sollten. Nach Rücksprache mit meinem Trainer Matthias stand recht bald fest: ich werde ein aktiver Teil der Bande sein und um Vereinspunkte kämpfen, so könnte ich dem Verein etwas zurückgeben. So wurde mein Programm im Sommer verdichtet und Matthias gezwungen, den Trainingsplan zu verändern. Der Mostiman wurde härter als gedacht, viel härter, weil ich noch kraft- und energielos war und weil die Sonne erbarmungslos auf meinem Laufsplit zuschlug, dafür wurde ich aber wider Erwarten mit der Qualifikation bei der Age Group EM in Valencia belohnt, ein kleines Dilemma, wie sich bald herausstellen sollte. Denn durch die vielen Covid-bedingten Verschiebungen im Rennkalendar hatte ich Philipp schon zugesagt beim King of the lake (KOTL) am Attersee einen Startplatz zu übernehmen und so sollte es auch ein dichtes Programm im September werden. Am 12.09 der Halbmarathon in Wien, am 18.09 ein 4er Mannschaftszeitfahren beim KOTL und am 26.09 die EM in Valencia in der Kurzdistanz. Wieder kurze Rücksprache mit der Familie und dem Trainer und schon wurde aus dem wirren Gespinst ein Plan. Der Trainingsplan wurde wieder einmal adaptiert, das Organisatorische (Anmeldungen, Reservierungen, …) erledigt und schon bald konnte ich den Herbst nicht mehr erwarten ….

…. bis ich eines Tages, es war Freitag der 3.September, durch einen Radunfall die Diagnose „Contusio hemithoracis sin.“, linksseitige Brustkorbprellung erhielt und in kleines emotionales Loch gefallen bin. Ich konnte die ersten Tage gar nicht schlafen, die restlichen nur eingeschränkt und mit Schmerzen, atmen war schwierig und schmerzhaft, ein Halbmarathon, ein Zeitfahren und eine Kurzdistanz schien unmöglich. Petra - eine unserer Physiotherapeutinnen - die mich schon in der Vergangenheit mehrmals zusammengeflickt hat, wurde kontaktiert, Übungen wurden gemacht, verkrampfte Muskeln durch Massage wieder gelockert und der Brustkorb getaped. Radfahren schien von Anfang an keine Probleme zu bereiten, schwimmen im GA1 Bereich auch nicht. Weil der 1. Kurze Lauftest aber nicht zufriedenstellend war, wurde der Trainingsplan von meinem geduldigen Trainer wieder umgeschrieben und Laufen ausgelassen. Es wurde wieder trainiert, der Halbmarathon wurde auf das Jahr 2022 umgebucht, so blieben noch 2 Events übrig, auf die man sich schon wieder freuen konnte. Die Schmerzen wurden durch positive Gedanken verdrängt und es wurde wieder nach vorne geschaut, und dem Herbst entgegengefiebert ….

…. als plötzlich ein paar Tage vor dem KOTL eine Nachricht in der eigens erstellten WhatsApp-Gruppe meine Laune wieder etwas trübte. Eigentlich sollten Philipp Hubmann, Katharina Schipali, Roman Vetter und ich ein Team bilden, nur leider wurde erst Roman und dann auch noch Philipp krank, an einen Start war definitiv nicht zu denken und kurzfristig Ersatz zu bekommen schien unrealistisch, da am gleichen Wochenende die Langdistanz in Klagenfurt und der Duathlon in Maissau stattfanden. Also wurde beschlossen, dass die Familie Vetter und ich gemeinsam (schade, dass Philipp zu Hause bleiben musste) zum Attersee reisen, das 2. Affenteam unterstützen und den Wettkampf als Zuschauer miterleben werden, ein gemeinsames Abendessen mit Kathi ging sich auch noch aus. Ich verließ den Attersee mit einem lachenden und einem weinenden Auge, denn auf der einen Seite wäre ich natürlich gerne gestartet, auf der anderen Seite bin ich froh, dass wir uns nicht mit den anderen messen mussten, wenn man die Leistungen, die dort erbracht wurden, vor Ort sieht. Den Bericht von Lukas Hartmann zu diesem großartigen Ereignis findet man hier https://tri.sportsmonkeys.at/news/?id=382.

Jetzt blieben nur mehr 5 Tage bis zur Abreise nach Valencia und 8 Tage bis zur Age Group EM, und ich wusste immer noch nicht, ob ich überhaupt laufen und daher starten könne. Meine Gefühlswelt fuhr Achterbahn. Es wurde zumindest ein theoretisches Ziel definiert, ruhiges schwimmen in GA1, wenn mehr gehen sollte auch gut, Radfahren sollte kein Problem darstellen wahrscheinlich sogar im WK-Tempo und nach T2 mal schauen, wie das Laufen funktioniert. Sollte ich über 6-7 km laufen können, dann wird auf jeden Fall gefinished und wenn ich ins Ziel gehen müsste, und wenn nicht, dann wird bei meinem Ergebnis ein DNF stehen, auch wenn mir das sicherlich nicht schmecken würde. Dieses Ziel fand Zustimmung bei Matthias und Petra und ich konnte wieder beginnen, mich auf den Wettkampf zu freuen, Valencia ich komme! Das Rad wurde ver- und der Koffer gepackt, beides in Wien Schwechat am Donnerstag in der Früh abgegeben, nach dem Flug und der weiteren Anreise mit dem Bus wurde der Koffer im Hotelzimmer deponiert und der Tag wurde in Valencia noch genützt, um gemeinsam mit den anderen mitgereisten Monkeys - Christian und Johanna Hofbauer und Thomas Wagner - das EM-Areal zu erkunden, die Registrierung zu absolvieren und das Starterpaket abzuholen. Hier stieß ich wieder einmal auf ein Problem. Vor dem Flug musste man für den Veranstalter des Bewerbs einen Fragebogen ausfüllen, der auch Gesundheitsdaten/Symptome, die auf Covid-19 hindeuten konnten, abfragte. Da ich Brustschmerzen und Atemnot wegen der Prellung angegeben habe, wurde ich von einer technischen Delegierten aufgefordert, am Freitag in der Früh wieder zu kommen, damit mich ein Arzt untersuchen könne, aber Startersackerl könne sie mir an diesem Tag keines aushändigen. Da war sie auf einmal wieder, diese Unsicherheit, ob ich überhaupt starten würde. Ein Spaziergang mit dem Trio zum Strand ließ die Zweifel in den Hintergrund rücken, die salzhaltige schwüle Luft wurde inhaliert, das wohlig warme Meer zumindest knöcheltief erkundet, und beim anschließenden Flanieren durch die teils engen Gassen ein wenig Atmosphäre einer wunderschönen Stadt aufgesaugt. Am Freitag stand der 2.Testlauf nach dem Radunfall auf dem Programm, dieser wurde in lockerem Tempo mit ein paar kurzen Tempo-Intervallen gemeinsam mit Christian Richtung Registrierungsstelle absolviert, dann wurde der befohlene ärztliche Check erledigt und mit der Arztfreigabe gleich das Starterpaket abgeholt. Von der Last der Unsicherheit befreit wurde der Weg zurück wieder laufend in Angriff genommen, aber gemächlich trabend. Danach wurden die Räder vor dem Hotel in Empfang genommen, aufgebaut und die Radstrecke gemütlich abgefahren. Endlich!!! Jetzt kann einem Wettkampf nichts mehr im Wege stehen, die Vorfreude stieg und eine Riesenlast fiel ab ….

…. Als am Freitagabend sich mein Körper plötzlich mit einer rinnenden Nase und einem leichten Kratzen im Hals meldete, dem wurde aber meinerseits keine weitere Bedeutung geschenkt. Die Nacht verlief sehr unruhig, was Thomas, mit dem ich mir ein Zimmer teilen durfte, gar nicht gefiel. Nach dem Elite-Rennen am Samstag der Damen, bei dem Julia Hauser den 15. Platz belegte, wurde mir klar, dass es besser wäre, dem Körper die Ruhe zu geben, die er seit einem halben Tag einforderte. Denn zum Halskratzen und der rinnenden Nase gesellte sich im Laufe des Tages Abgeschlagenheit, Müdigkeit und ein wenig Schüttelfrost. Kurzum ich habe mir irgendetwas eingefangen, das ich schnellstmöglich wieder loswerden musste. Also wurde alles für den Start vorbereitet, das Hotelbett gehütet und der Wecker auf 05:00 Früh gestellt. Am nächsten Morgen – in der Nacht wurden 3 T-Shirts verschwitzt – wurde kurz in den Körper hineingehört und keine Störgeräusche vernommen, daher ging es schnell ins Bad, zum Frühstück und mit dem Rad zur Wettkampf-Arena. Check-In 06:30, eigentlich wäre ich später an der Reihe gewesen, aber aus der Registrierung habe ich gelernt, etwas früher zu erscheinen. Noch einmal auf die Toilette, aufwärmen und den Start-Wellen vor mir zusehen. Ich lehnte am Absperrgitter und genoss die Atmosphäre der aufgehenden Sonne gepaart mit dem Schreien des Platzsprechers und dem sekündlichen Piepen, das aus den Lautsprechern kam und den Triathlet:Innen das Signal zum Start gab. Um 08:45 hieß es dann für mich – GO!

Mit einem Kopfsprung aus gut 1,5 Metern Höhe ins Wasser habe ich gleich den Rhythmus gefunden, und konnte sogar WK-Tempo schwimmen. Das Wasser schmeckte etwas nach Benzin, also weniger trinken. Es ging wirklich gut, doch nach 400-500 Metern spürte ich den Brustkorb, was ist da los? Nein, bitte nicht, kann nicht sein, ruhig atmen, langsame Züge, tiefes Ein- und Ausatmen, hat mir die Alex noch als Tipp mitgegeben. Das Tempo war natürlich dahin aber mit GA1-GA2 erreichte ich den Wasserausstieg nach über 30 Minuten, T1 keine Probleme, ab auf die 3 Rad-Runden à 12,9 km. Der Stopp-And-Go Kurs bestehend aus fünf 180 Grad Kurven ist fordernd, Ausruhen gibt es nicht, man ist ständig am Treten, muss nach jeder Kurve aus dem Sattel, aber es ist fein, permanent Leute an der Strecke zu sehen, die dich anfeuern, obwohl sie dich nicht kannten. Nach einer Stunde und 11 Minuten zurück in der Wechselzone, wieder ohne Probleme, noch schnell 2 Gels einstecken und raus auf die 3 Runden à 3,3km entlang des Hafens. Es ist echt mental schwierig aus der Wechselzone zu laufen und mit ansehen zu müssen, wie etliche Athlet:Innen schon ins Ziel abbiegen. Also Blick weg vom blauen Teppich, hin zu den Schiffen im Hafen und raus aus dem Zielgelände. Schon nach ~1km ist klar, dass dieser Lauf kein Honiglecken wird, sondern viel mehr ein großes Leiden, Zieleinlauf ungewiss. Jeder Schritt schmerzt, ich bekomme nur schwer Luft – keine Ahnung ob es an der Hitze, der Verletzung oder der Verkühlung liegt – aber ich kann laufen, oder besser gesagt schneller traben, ich werde pausenlos überholt, muss das irgendwie ausblenden. Heute geht es nicht um eine persönliche Bestleistung, sondern darum den inneren Schweinehund zu besiegen und diesen Triathlon zu beenden. Auf der Runde gibt es 4!! Labestellen, ich brauche in jeder Runde alle 4, nehme immer zwei 0,5l Flaschen Wasser, eine gleich in der littering zone zum Trinken und für die Kopfkühlung, die zweite dann für den Weg zur nächsten Labe. Die zweite Runde war die schwierigste, weil vom offenen Bewerb, der 45 Minuten nach der Age Group EM gestartet wurde, viele schon an mir vorbeigezogen sind, mein Kopf wollte links auf den blauen Teppich abbiegen und das Rennen beenden, aber eine innere Stimme sagte mir, dass ich den vielen Zuschauern, die pausenlos alle anfeuerten und unterstützten, und vor allem mir selbst es schuldig wäre, geradeaus weiter zu laufen und diese Runde auch zu beenden. Also trabte ich die 2.Runde mit ein paar Geheinlagen dahin. Die dritte Runde war zwar auch nicht schneller, aber die mental einfachste, wissend dass das Ziel schon in Reichweite ist, sind ja nur mehr 3,3km. Kurz vor dem Ziel, ich denke es waren 700-800 m davor, hörte ich einen Briten, der neben Christian stand, noch „Come on, René, come on“ rufen, also versuchte ich noch einmal All-In, mit Zielsprint der letzten 50-100m am blauen Teppich.
Der Rest ist Endorphine pur, …

… ich habe es tatsächlich geschafft, obwohl es noch am Vortag nicht danach ausgesehen hatte, als könnte ich überhaupt starten. Dass ich aber mit einer neuen persönlichen Bestleistung (Gesamtzeit 2:45:58) Valencia verlassen werde, ist echt der Hammer. Ich bin so froh, die Reise mit den anderen Monkeys zusammen angetreten und ein absolut geniales verlängertes Wochenende mit ihnen in dieser großartigen Stadt verbracht zu haben. Ich bin stolz, dass ich als Sports Monkey auch ein Teil des TriTeams Austria sein durfte. Valencia du bleibst auf jeden Fall in positiver Erinnerung.

Gesamtzeiten unserer Monkeys:

Johanna Hofbauer -> 2:53:12
Julia Rohe -> 2:41:42
Thomas Wagner -> 2:17:10

PS: Ein großes Dankeschön an alle Monkeys, die dafür verantwortlich sind, dass ich diese Reise machen konnte und die Chance hatte, das alles erleben zu dürfen. Danke an Rudi und Robert ohne deren Beharrlichkeit ich mich nicht beim Mostiman qualifiziert hätte. Danke an Matthias, der geduldig und empathisch immer wieder den Trainingsplan geändert hat.Danke an Petra, die in so kurzer Zeit es geschafft hat, dass zumindest in Valencia die Schmerzen halbwegs erträglich blieben. Danke an Christian, der sehr schöne Fotos geschossen hat.

Sunpie Agency