Salzburg - 42,2 Km...

18. Mai 2022, 18:00 Uhr
geschrieben von Michael Urban

... die Hitze der Stadt und eine Sensation

Es war um 1780 und es war in Wien…
Zugegeben, so lange ist es nicht her, dass ich zum ersten Mal über einen Marathon nachgedacht habe. Es war wohl Ende der 1990er - der Laufboom in Österreich steuerte auf einen seiner Höhepunkte zu (Beim VCM gab es 2001 die meisten Marathonfinisher), Falco war vermutlich schon out of the dark und rockte im Duett mit Amadeus – als ich mir dachte: „Irgendwann laufe ich auch einen Marathon.“ Die Jahre zogen ins Land, mit Ihnen meine Sportabstinenz und etliche Kilos. Laufen um des Laufens Willen war sowieso nie ein Thema für mich.
2017 traf ich dann auf die ersten Monkeys, Anfang 2018 wurde ich selbst einer
https://tri.sportsmonkeys.at/news/?id=173

und fand doch noch zum Laufen. Im Jänner 2019 „passierte“ mir der erste Halbmarathon bei einem Trainingslauf, der einfach zu schön war, um ihn wie geplant, nach 16 km zu beenden. So kam auch langsam der Gedanke zurück, dass da mehr geht und früher oder später auch ein Marathon möglich sein müsste. Ende 2020 wollte ich es im Rahmen des WRU (Wien Rundumadum) versuchen. Ich griff auf meine bis dahin bewährte Seite zu Lauf-Trainingsplänen zurück (www.lauftipps.ch) und legte los. Je mehr ich mich mit dem Thema Marathon beschäftigte, desto größer wurden die Zweifel, dass ich mit dem Plan wirklich ins Ziel kommen könnte. Der längste Lauf nur rund 30 km? Überall steht zu lesen, dass es da erst losgeht – wie soll das funktionieren? Das Training lief gut, aber der Kopf wollte nicht. Abbruch des Plans nach einigen Wochen -> back to square one.
Für 2022 wollte ich eine Mitteldistanz und einen Marathon in Angriff nehmen. Zell am See Ende August war aufgrund des Vereinscups gesetzt, somit blieben der VCM im April oder Salzburg im Mai. Die Wahl fiel auf Salzburg, die Veranstaltung ist kleiner und überschaubarer. Salzburg bietet darüber hinaus den Vorteil, extrem flach zu sein (nur 9 Meter zwischen dem höchsten und tiefsten Punkt) und er ist in Österreich der Marathon mit der schnellsten durchschnittlichen Finisherzeit.
Ich griff auf den gleichen Trainingsplan wie beim ersten Anlauf zurück, verlängerte aber schrittweise die langen Läufe, so dass ich in der Vorbereitung je einen 30km-, 33km- und 36km-Lauf absolvierte. Ob das aus sportlicher Sicht sinnvoll ist, dürfen andere beurteilen – für mich war es wichtig, um einigermaßen abschätzen zu können, was auf mich zukommt.

Letztes Wochenende war es dann endlich so weit. Nach 2-jähriger Pandemiepause fanden die Lauffestspiele der Mozartstadt wieder statt. Wir hatten ein Apartment im Stadtzentrum zwischen Start- und Zielgelände, nur wenige Schritte von Mozarts Geburtshaus entfernt. So konnten wir uns Freitagabend und Samstag noch ein bisschen in der Stadt umsehen und mit Stefan und Anna noch andere Monkeys treffen. Moritz kam erst etwas später an, ihn haben wir leider verpasst.
Die wetterfroschersetzende App, prophezeite trockenes und sehr warmes Wetter, was mich grübeln ließ, wie weit die erwünsche Zielzeit möglich sein würde. 4:25? 4:20? Oder doch die geplanten 4:15? Nachdem ich so ziemlich jede Zeit mehrfach auf meiner Uhr eingegeben hatte, ließ ich es bei 4:20 –. Pace 6:10 und ein Gedanke: „Was immer auch passiert – kein Kilometer unter 6:00! Jedenfalls nicht vor Kilometer 30 – danach würde sich die Frage nicht mehr stellen.“

Pünktlich um 9 Uhr durften die schnellsten Läufer und Läuferinnen auf die 2 x 21,1 km-Strecke, wenig später nahmen die Langsameren die Verfolgung auf. Insgesamt standen knapp 750 Marathonstarter, knapp 1700 Halbmarathonstarter und rund 50 Staffeln am Start. Auf den ersten Kilometern versuchten alle ihre Zielgeschwindigkeit mehr oder weniger genau zu treffen, das Feld zog sich in die Länge und man befand sich immer unter den gleichen Mitstreitern – mal waren sie ein paar Meter weiter vorne, dann wieder ein kleines Stück hinten.
Nach den ersten Metern entlang der Salzach ging es vorbei an mehreren Musikspots zum Schloss Hellbrunn, wo uns nach etwas mehr als 5 Kilometern die erste Verpflegungsstation erwartete. Zum Glück hatten die Veranstalter gut auf die mittlerweile sommerlichen Temperaturen reagiert und verteilten Getränke nicht nur in Bechern, sondern gaben auch Powerade-Flaschen aus – leichter zu trinken und besser mitzunehmen. Bevor wir wieder ins stärker verbaute Gebiet zurückkamen, führte die Strecke durch Wälder und Wiesen, einzig der fast durchgängige Sichtkontakt zur Festung Hohensalzburg und dem Untersberg erinnerten daran, dass wir in Salzburg liefen. Ich versuchte mich eisern an meine Vorgabe zu halten - keinesfalls unter 6:00 / km! Mit ganz wenigen Ausnahmen gelang das auch. Erst zurück in der Nähe vom Schloss Mirabell war es wieder „kritisch“ – die Leute am Streckenrand wurden wieder mehr, weitere Musikspots, die HM-Läufer zogen langsam zum Zielsprint – da kann die Euphorie zu groß werden.

Durch das Stadtzentrum ging es auf die zweite Runde. Vorbei am hauseigenen Fanclub und an Stefan. Stefan? – was machte der hier? Er wollte eigentlich die 3 Stundenmarke knacken, erlag aber der Versuchung nach der ersten Runde in Ziel abzubiegen. Die 3 Stunden waren bei diesen Temperaturen nicht möglich.
Dafür, dass ich jetzt schon gut 2 Stunden unterwegs war, fühlte ich mich noch überraschend stark. Das Tempo passte, die Beine waren fit, Versorgung mit Essen und Trinken lief perfekt. Nachdem die HM-Starter weg waren, war es auf der Strecke merklich weniger los und ich stellte mich auf ruhige Kilometer bis Hellbrunn und zurück ein. Schnell erkannte ich aber, dass die Hitze zu ersten Abnutzungserscheinungen führte. Noch vor der langen Geraden nach Hellbrunn konnte ich die ersten überholen, die nach 22-23 Kilometer Gehpausen einlegten. Mir wurde klar, dass ich mich besser an den Plan gehalten hatte, als manch andere – ich musste nur noch vorbeilaufen. Auf der rund 2 Kilometer langen Geraden sah ich sie – es waren viele und sie kamen langsam ober beständig näher. Keiner der Überholten war ein Konkurrent, aber es war die Bestätigung, dass ich meine Kräfte bislang gut eingeteilt hatte – das gab zusätzlich Kraft. War da nicht die Fahne eines 4:15-Pacemakers zu sehen? Ein Blick auf die Uhr – meine Pace war bei 5:45 und deutlich schneller als geplant – Euphorie bremsen und langsamer werden! Der sagenumwobene Mann mit dem Hammer musste da vorne irgendwo auf mich warten. Vielleicht im Wald, hoffentlich erst hinter den ersten Häusern.
Ab Kilometer 33 ging es nicht mehr ganz so locker dahin. Vielleicht lauerte er im Leopoldskroner Weiher, aber das musste er wohl sein – der Mann mit dem Hammer. Jedes Buch zum Thema Laufen berichtete von ihm. Die Beine begannen zu zwicken und zu zwacken – mal unten, mal oben, mal links, mal rechts. Ich versuchte Tempo herauszunehmen, um möglichst lange weiterlaufen zu können. Leider misslang dieser Versuch völlig. Ich konnte weder schneller noch langsamer laufen – irgendwie schien die Verbindung Gehirn – Beine blockiert zu sein. Ich lief ca. 6:20 / km ohne Möglichkeit, das zu ändern. Gehen wäre möglich gewesen, aber dann würde es vorbei sein - ein Mal gehen und ich würde nicht mehr ins Laufen kommen. Dann eben weiterlaufen, vorbei an Labstationen, Kilometermarkierungen („und wieder einer weniger“), Zuschauern und abwarten was noch kommt.
Die Labe bei 36,5 km bedeutete dann doch das Ende meines bis dahin perfekten Laufes. Zuvor erwischte ich eine Powerade-Flasche, die offenbar mehrere Stunden in der Sonne lag (noch nie habe ich etwas derart Ekeliges mit Freude getrunken). Ich brauchte unbedingt Wasser, je mehr desto besser, blieb kurz stehen und ging weiter. Wie befürchtet, fand ich anschließend nicht mehr zurück ins Laufen. Die angepeilten 4:20 würden sich nicht mehr ausgehen und damit war es auch schon egal. Es war auch nicht mehr Falcos Amadeus, dass ich im Kopf hatte, sondern viel mehr Reinhard Fendrichs „Die Hitze der Stadt ist im Sommer brutal - Da man fürchterlich matt ist, wird das Leben zur Qual“. Die Sitten sind zum Glück nicht entglitten, auch niemand befreite seine oberen Weiten.
Abwechselnd gehend und laufend absolvierte ich die letzten 6 km. Vorbei an den letzten Bands und am Schloss Mirabell, ein paar Worte mit Mitstreitern wechseln, kaum einer schafft es noch durchgängig zu laufen, ein letztes Mal über die Salzach ins Zentrum und nach 4 Stunden und 30 Minuten bei rund 30 Grad ins Ziel. Medaille in Empfang nehmen, ein letztes Foto, ein letztes Mal Schatten suchen und die Beine im Wasser des Wilder Mann Brunnens abkühlen, versuchen zu verstehen was da gerade passiert ist - die Freude über das Erreichte, die Eindrücke des Laufes, die letzten Kilometer…
Glücklicherweise durften wir unser Apartment länger nutzen (Herzlichen Dank an die City-Center Apartments!), so dass wir nochmals ins Zimmer zurück konnten - in Ruhe Duschen und die Beine versorgen. Ein Zimmer im vierten Stock ohne Lift? - vielleicht etwas, was sich beim nächsten Marathon optimieren lässt. So kurz nach dem Lauf ging es noch, am Montag hätte ich wohl für ein paar Tage verlängern müssen – unmöglich, da runter zu gehen.

Wie liefs bei den übrigen Monkeys? Stefan Eichinger beendete seinen Lauf vorzeitig und beendete seinen HM in 1:35. Moritz Kopeinig beendete seinen ersten Marathon in 3:21:48 und zeigte sich „extrem zufrieden“. Erst am Weg zurück nach Wien, erfuhren wir über die Monkeys-Gruppe, dass zwei weitere Mitglieder unseres Rudels am Start waren und für eine echte Sensation sorgten, die Details sind hier nachzulesen
https://tri.sportsmonkeys.at/news/?id=446

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