Alle Wege führen nach Klagenfurt - IRONMAN 2022

18. Juli 2022, 16:05 Uhr
geschrieben von Wolfgang List

Bereits seit vielen Jahren bin ich als aktiver Athlet der Faszination IRONMAN verfallen. Aber was macht diesen Reiz des schier Unerreichbaren aus? Würde es nicht reichen, sich mit Gleichgesinnten auf kürzeren Distanzen zu matchen? Also was macht diese anziehende Wirkung der Langdistanz nun aus, sich im tagtäglichen Training stundenlang zu quälen und zahllose Kilometer abzuspulen.

Triathlon ist für viele nur der Sport für die Verrückten, die mit Laufen alleine noch nicht ausgelastet sind.

Aber vielleicht liegt es einfach nur daran, sich auf der klassischen IRONMAN-Distanz von 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer am Rad und 42,195 Kilometer zu beweisen. Die Balance zwischen drei Disziplinen zu finden und diese im Alltag mit Übersicht einzubauen.

Alle von uns im Verein sind Hobbyathleten und erfreuen sich an der Bewegung, dem gemeinsamen Training und gemütlichen Tratsch über dies und das. Wir alle haben auch ein Privat- und Arbeitsleben. Denn irgendwo muss auch das Geld für Equipment, Trainingsplan, Trainingslager usw. verdient werden. Dieser Spagat aus Privatleben, Berufsleben und Hobby „Triathlon“ muss 365 Tage im Jahr unter einen Hut gebracht werden. Die Bedürfnisse und Wünsche der Familie sind immer präsent und sind klarerweise mit Priorität behaftet. Somit fielen meine Trainingseinheiten in die Morgen- bzw. in die Abendstunden. Um hier Zeit und auch Ressourcen zu schonen, wurde kurzerhand mein Training in den Keller verlegt. Radeinheiten wurden bis zu fünf Stunden am Rollentrainer über Zwift und mit passendem Fernsehprogramm abgespult. Alle erforderlichen Bedürfnisse (Toilette, Essen, Trinken) konnten einfach und bequem abgedeckt werden. Keine äußeren Wettereinflüsse wie Dunkelheit, Regen, Kälte spielten eine Rolle. Und der Heimweg war überschaubar lol.

Die intensivere Trainingsgestaltung fand ab dem November des Vorjahres statt. Geleitet von einem Trainingsplan erfolgte ein sukzessiver Aufbau. Die Einheiten gestalteten sich abwechslungsreich und die Umfänge steigerten sich mit Verlauf der Monate. Auch blieb ich in dieser Zeit leider nicht von körperlichen Begleiterscheinungen verschont. Es zwickte mal da, mal dort. Im April musste ich mich dann gleich mit mehreren gröberen Baustellen meines Körpers zwangsläufig beschäftigen. Zum wiederholten Male meldeten sich meine Bandscheiben im Nackenbereich, die rechte Schulter schmerzte und ein Fersensporn stellte meine Geduld auf die Probe. Mit dieser Situation war an ein geplantes und intensives Training nicht zu denken. So wurde der Trainingsumfang der Lage angepasst und musste von mir auch so akzeptiert werden. Dank dem Einsatz von Petras fachlicher Kompetenz und physiotherapeutischem Know-how wurden unter wohl dosierten Schmerzen meine Beschwerden gelindert und schlussendlich zum größten Teil behoben.

Nun war es wieder soweit. Die letzten Tage vor dem IRONMAN Klagenfurt standen vor der Türe. Die Endphase des Trainings war abgeschlossen und die Tapering-Phase eingeläutet. Zeit also, sich über die Renntaktik meines fünften Antretens auf der klassischen Langdistanz zu machen.

Aufgrund der Zeugnisverteilung in Wien erfolgte die Anreise erst am 01. Juli. Unüblich, da ich eher der strukturierte und durchgeplante Mensch bin. Ich wollte so kurz vor dem Wettkampf keinen Stress aufkommen lassen, sind ja noch wichtige Details vor dem Start abzuhandeln. Ganz oben auf der to-do-Liste stand sicherlich die Verpflegung am Wettkampftag und ein verlässliches Equipment (Neoprenanzug, Schwimmbrille, Zeitfahrrad, usw.).

Nach der verpflichtenden Wettkampfbesprechung und dem Rad-Check-in am Samstag ging es zurück in die Unterkunft, um dem Körper nochmals die Ruhe und nötige Regeneration zu geben. Die Startsäcke wurden zum wiederholten Male genauestens kontrolliert und bei Bedarf ergänzt. Das Kopfkino hat seine Pforten geöffnet.

Am Sonntag, 03. Juli 2022 wecke mich nach einer kurzen, aber erholsamen Nacht der Wecker um 03:30 Uhr ungeliebt aus dem Schlaf. Nun ging es daran, den Körper mit einem Frühstück und Flüssigkeit zu versorgen, menschlichen Bedürfnissen nachzugehen und die Utensilien für die Wechselzone herzurichten. In der Wechselzone angekommen, wurde der Reifendruck der Laufräder nochmals auf Wettkampfmodus erhöht. Das Zeitfahrrad mit den erforderlichen Trinkflaschen und Riegeln bzw. Gels bestückt und die Laufwege in der Wechselzone gecheckt. Für das eine oder andere kurze Gespräch mit Mitstreitern und Monkeys-KollegInnen blieb auch noch Zeit.

Von der Wechselzone aus ging es mit Zwischenstopp im Monkeys-Hauptquartier am Campingplatz zum Startbereich ins Strandbad. Schnurstracks machte ich mich auf den Weg in die abgegrenzten Bereiche des Startareals. Ich wollte so zeitig wie möglich starten und in die Fluten des Wörthersees springen. Aufgrund der hohen Wassertemperatur von 25,4 Grad Celsius wurde an diesem Tag ein Verbot des Tragens eines Neoprenanzuges ausgesprochen. Exakt um 06:40 Uhr fiel der Startschuss für die Agegroup-Athleten. Zehn Minuten später hechtete ich ins Wasser und startete meine fünfte Mission in Klagenfurt. Ich fand nach einigen Minuten meinen Rhythmus und war auch über das ausreichende Platzangebot im Wasser überrascht. So ging es über den Wörthersee und im Anschluss in den Lendkanal. Hier erwartete mich am Hotspot auf Höhe des Campingplatzes eine Heerschar von enthusiastischen anfeuernden Monkeys. Soviel Unterstützung musste anerkannt werden. Ich nahm mir die Zeit und streckte der Gefolgschaft beide Hände entgegen. So was von cool! Danke! Die letzten Meter bis zum Schwimmausstieg waren schnell erledigt und so ging es nach 01:06:07 Stunden in die Wechselzone.

Am Rad ging es dann in der ersten von zwei Runden über St. Veit, Feldkirchen Krumpendorf zurück nach Klagenfurt. Die zweiten 90km führten auf der altbekannten Radstrecke über Velden, Rosegg, Egg am Faakersee, Schiefling, St. Egyden, Rupertiberg und Kötzmannsdorf. Aufgrund der hohen Temperaturen und der stetigen Sonneneinstrahlung war der Radsplit bereits sehr anstrengend und kräftezehrend. Auch das Kühlen des Kopfes, der Hände und der Füße war nur von kurzer Wirkung. Nach 06:05:19 Stunden durfte ich mein Zeitfahrrad in der Wechselzone abstellen.

Nun ging es daran, meine gefürchtete, ja fast gehasste Disziplin zu starten. Am Beginn der Laufstrecke konnte ich gut und mit lockeren Füßen mein im Vorfeld geplantes Tempo laufen. Aber bereits nach einigen Kilometern war klar, dass an diesem Tage das Laufen eine Qual werden sollte. Bei Kilometer 15 musste ich aufgrund von Magenproblemen die ersten Gehpausen einlegen. Dazu kam, dass meine Atmung eingeschränkt war. Ich hatte das Gefühl, dass ein Elefant auf meinem Brustkorb sitzt. So wurden die Gehpausen immer länger, die Laufphasen immer kürzer. Bei Kilometer 27 (Anmerkung: Streckenabschnitt Krumpendorf) spielte ich kurz mit dem Gedanken, ins Quartier abzubiegen und meinen Arbeitstag zu beenden. Doch ich fasste rasch den Entschluss, dass DNF (Did Not Finish) keine Option ist. Sollte das fast tägliche Training umsonst gewesen sein? Nein. Geh einfach weiter, schrie ich mich innerlich an. Als Unterstützung folgte mir meine Frau auf Schritt und Tritt. Sie versorgte mich mit aktuellen Neuigkeiten des Renngeschehens und hielt mich bei Laune. Bei Kilometer 35 verabschiedete sie sich und meinte nur trocken, dass wir uns im Ziel sehen werden. Plötzlich machte es in meinem Kopf „klick“. Ich fasste neuen Mut und begann wieder zu laufen. Die Beine schmerzten zunehmend, eine Blase auf der Fußsohle kündigte sich unliebsam an, die Sonne verstecke sich schon langsam hinter Häusern und Bäumen. Wildfremde Menschen entlang der Laufstrecke motivierten mich mit Ihren Sprüchen: „Komm Wolfgang, auf geht’s. Lauf wieder!“. Da konnte sogar mein so trotziger Schweinehund nichts dagegensetzen. Die Innenstadt von Klagenfurt war zum zweiten Mal erreicht. In der Einkaufsstraße lief ein reiferer Herr mit einem bunten Trikot „Kona2018“ circa 100 Meter vor mir, bog in einen Schanigarten ein und kippte einen Aperolspritzer auf Ex runter. Tosender Applaus brannte auf! Dies war für den nächsten Kilometer Gesprächsstoff mit diesem einfallsreichen Sportler. Erst später wurde mir bewusst, dass es sich um den Ausnahmetrinker, äh Athleten, Karl Kaudela handelte. Auch Karl ist ein Vereinsmitglied im Affendschungel.

Der letzte Laufkilometer war angebrochen. In diesen letzten Minuten liefen so viele Gedanken durch meinen Kopf. Angefangen über die vielen zahlreichen Trainingsstunden im Keller, die Zurufe der Zuseher und VereinskollegInnen und im Speziellen das Ableben von Ralph. Noch im September des vergangenen Jahres stand ich am Straßenrand und unterstützte Ralph bei seinem Wettkampf. Damals schrieb er mir nach seinem Zieleinlauf auf WhatsApp, dass er heuer mein Edelfan sein werde. Lieber Ralph, du warst bei mir! Leider nicht an der Strecke, aber in meinem Herzen! Auf den letzten Hundertmetern streckte ich meine Hände Richtung Himmel und dachte an Ralph, an meine verstorbene Mutter und an meinem im letzten Jahr an Covid19 verstorbenen Schwiegervater.

Die letzten Meter sollten jedoch ganz allein mir gehören. Es ging in den Zielbereich, die Stimmung war so geil, dass mir die Gänsehaut stand. Monkeys, Freunde und langjährige Wegbegleiter brüllten mich an und freuten sich über das finishen meiner Person. In Fliegermanier lief ich über den roten Teppich. Die Stimmung war so gewaltig! Auf den letzten Metern ging es auf die Bühne mit dem Zielbogen. Die ersehnten Worte hallten nach 13:03:46 Stunden durch den Zielbereich: „Wolfgang, YOU ARE AN IRONMAN“!

Es ist immer und immer wieder ein so tolles Gefühl, diese magischen Worte zu hören. Es erfüllt mich auch immer wieder mit Stolz und Genugtuung, diese Strapazen auf mich zu nehmen und zu finishen.

Gratulation auch an alle Finisher unseres Vereins. Egal ob Newcomer oder alteingesessener Triathlet, ihr könnt alle verdammt stolz auf Euch sein. Auch ist die Leistung unserer einzigen Dame an diesem Tag, Astrid, hervorzuheben. Einfach nur „wow“!

Eine Ehre war auch an diesem Tag, mit unserem einzigartigen und liebenswerten Silberrücken Rudi am Start zu stehen. Rudi Hummel ist eine Institution und ein Urgestein in der Wiener Triathlonszene seit der ersten Stunde. In seiner Anfangszeit starteten damals die Athleten noch mit Fell und Prügel. Spaß bei Seite! Damals gab es noch keine futuristisch aussehenden Zeitfahrräder, Energydrinks und Gels. In den Labestationen wurde anno dazumal nur Coca-Cola und Bananen gereicht.
Rudi ist ein sehr herzlicher, immer freundlicher und strahlt stets positive Energie aus. Unser Silberrücken ist immer hilfsbereit und ein wahrer Gentleman. Auch ist er ein wahrer Botschafter der SportsMonkeys-Philosophie und ein emsiger Talent- und Mitgliedsucher. Mit ihm hier am Start gestanden zu sein, erfüllt mich mit Dankbarkeit und Demut. Obwohl Rudi aufgeben musste, war dies für ihn schon ein großer Sieg. Es zeigt von Charakter und eine tolle Selbsteinschätzung. Lieber Rudi, danke für deine langjährige Freundschaft. Bleib uns gewogen und noch sehr, sehr viele Jahre im Affenzirkus erhalten. Und ich denke, dass ich dich und Vincent vielleicht schon nächstes Jahr hier am Start sehen werde.

Hang loose!

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