Alle Wege führen... zum Ironman

31. August 2021, 15:12 Uhr
geschrieben von Daniela Rosenkranz

Ironman Klappe die Erste
Wir schreiben das Jahr 2019. Die Welt ist noch in Ordnung. Wir sind weit entfernt von Pandemie, Lockdown und der Frage: „Wer ist dieser Covid und darf ich ihm zeigen, wo die Türe ist?!“ :-) Die letzten Jahre habe ich bei diversen Marathons, Bergläufen, Hindernisläufen und Ultraraces etliche Kilometer und Höhenmeter heruntergespult und nun spukt mir immer wieder dieser Ironman im Kopf herum. Wenn da nur nicht diese Schwimmerei wäre!! In der Hindernislaufszene ist mein Spitzname „Pony“ und das aus gutem Grund! Ich bin zwar nicht schnell, aber hey, ich bin ausdauernd…nur von Schwimmponys hätte ich noch nichts gehört ^^ Egal, vielleicht wird ja aus mir noch ein Seepferdchen, ich kann es mir zumindest einfach nur mal ansehen. Eine halbe Stunde „einfach nur mal ansehen“ später, bin ich beim Ironman UK angemeldet. Klagenfurt ging nicht mehr und UK ergibt sich total toll mit einer Urlaubsreise, die bereits gebucht ist. Zufälle gibt’s – was soll man da machen? :-) Jetzt heißt es nur noch trainieren, also auf zum Schwimmkurs! Oder besser gesagt zum „wie-trinke-ich-das-ganze-Becken-alleine-in-unter-zwei-Minuten-aus“ – Kurs.

Nach ein paar Einheiten bin ich sicher: aus mir wird kein Seepferdchen mehr, ich bin das geborene Walross! XD Die Trainerin - natürlich KEIN Monkey :-) - ist mir auch keine wirkliche Hilfe. Sie schlurft gelangweilt am Beckenrand hin und her, korrigiert nichts und findet einfach ALLES „ganz toll“, was ich da mache - jaaaa trinken kann ich, aber wengan Schwimmen warats…! Das wars für mich mit Schwimmkurs, ich werde einfach Brustschwimmen – und so trainiere ich eben, wie sonst auch immer, auf eigene Faust und träume vom roten Teppich und davon, dass mir jemand ins Ohr schreit: „You are an IRONMAN!!“

Ironman Klappe die Zweite
Schon ist es 2020 und Corona macht mir einen Strich durch die Rechnung. Kurz vorm Start ist klar – in diesem Jahr kommen der Ironman und ich nicht mehr zusammen! Aber es ist Lockdown, ich habe plötzlich Zeit, jede Menge davon und jetzt will ich es richtig machen. Nicht nur mit halbherzigen Schwimmkünsten, nicht mit „gerade so durchkommen“, ich will das volle Programm!! Noch einmal begebe ich mich auf die Suche nach passenden Trainingsmöglichkeiten und Kursen und lande schließlich im Herbst auf einer Seite, auf der mir ein fröhliches, blaues Äffchen entgegenlacht. Hier klingt nicht nur das Kursangebot vielversprechend, es zeigt sich auch schnell, dass man selbst als durstiges Schwimmpony gut aufgehoben ist und sich nicht schämen muss.

Froh in der Affenbande gelandet zu sein, lichtet sich, mit Trainer Moritz an meiner Seite, dann auch endlich mein wirr zusammengezimmerter Schlachtplan zur Eroberung der Langdistanz. Langsam aber sicher, nimmt der Traum tatsächlich Gestalt an. Es folgt ein Höhenflug an diversen Trainingserfolgen und Leistungssteigerungen. Ich werde ein richtiger Fan von Koppeltrainings Pony hat Auslauf :-), nichts kann mich stoppen!! Nichts? Ok – pure Übertreibung! In Wahrheit reicht die Covid-Impfung im April als Startschuss für eine rasante Talfahrt. Zugegeben, meine Garmin hatte zuvor schon ein paar Schwierigkeiten mit der korrekten Aufzeichnung. Die Gute ist nun mal aus einer Zeit, als Burger King noch ein Prinz war….aber jetzt ist sie völlig überfordert, weil mein Puls während des Trainings plötzlich unkontrolliert herumfährt. Ich merke, wie mir immer schneller die Puste ausgeht und ich mich ständig ausgelaugt und kaputt fühle. Dazu kommt auch noch, dass in der Arbeit wieder reichlich zu tun ist, die Tage immer länger und die Nächte immer kürzer werden. Moritz und ich ziehen die Notbremse und schalten einen Gang zurück. Frustration und unglaubliche Zweifel machen sich in mir breit, meine Leistungsfähigkeit ist im Keller und ich kann immer noch nicht Durchkraulen. Zu allem Überfluss werden die Einreisebestimmungen wieder verschärft, Quarantänepflichten verhängt und nach monatelangem Hoffen und Zittern steht auf einmal fest, dass der Ironman UK 21 zwar stattfindet - aber wieder einmal ohne mich. Auf Kulanz wird mein Startplatz ins Jahr 2022 verschoben.

Ironman Klappe die Dritte
Das soll es jetzt also gewesen sein? Noch ein weiteres Jahr dahin? Nach allem was schon passiert ist?......Plötzlich fühle ich ihn wieder. Diesen kleinen Funken, der dir sagt, dass noch nicht aller Tage Abend ist. Der dich daran erinnert, wofür du gekommen bist und wozu du das alles gemacht hast. Aufgeben? Nicht jetzt, NICHT SO! Schon sitze ich vorm Computer und durchforste alle Möglichkeiten, die mir im Jahr 2021 noch geboten werden. Und da ist sie auch schon! Kurze Flugzeit, moderate Einreisebestimmungen, freie Startplätze: HALLO, TALLINN!! Moritz und ich sind wieder auf Kurs. Wir halten den Fokus auf Tag X und arbeiten weiter an meinen Schwimmkünsten. Der erste Erfolg nach der langen Flaute: 1h30mins Durchkraulen. Endlich hat es „Klick“ gemacht, vorm Schwimmen muss ich mich also nicht mehr fürchten. Auch die Lauf- und Radeinheiten werden wieder besser, vor allem vom Körpergefühl her. In kürzester Zeit sitze ich in meinem Wohnzimmer und mache alles reisefertig. Jetzt geht es los!

Willkommen in Estland
Es wäre keine meiner Reisen, wenn das Chaos mir nicht folgen würde und so beginnt natürlich alles damit, dass mein Rad komplett verstellt ist, als ich es in Tallinn im Hotel endlich aus dem Koffer befreie. Ein Mysterium. Egal wie gut und sorgfältig man das Ding zuvor einpackt, es kommt trotzdem immer so raus, als wäre mein Koffer der Zauberkasten eines betrunkenen Magiers. Nach stundenlangem Herumhantieren, Einstellen der Di2 und nochmaligem Nachjustieren, bin ich völlig fertig, ölverschmiert aber fühle mich wie Mac Gyver, weil ich das Teil tatsächlich alleine zum Laufen gebracht habe ^^

Weiter geht’s! Anmeldung: Check, Reifendruck nachkorrigieren: Check, Letzte Trainingseinheiten: Check (kleine Randbemerkung – Schwimmen im Lake Harku ist wie Autofahren mit Augenbinde, mein Frühstückskakao ist kristallklar dagegen), Monkeys kontaktieren, weil ich mir beim Reifendruck nicht mehr sicher bin: Check, Die Korrektur der Reifendruckkorrektur korrigieren: Check :-), Racebriefing: Che….mooooment! Hat der gerade etwas von Race-Cancellation gesagt?!? Ich sitze ungläubig vor dem Bildschirm, mit meiner von der Sonne geküssten Haut, weil die letzten Tage tatsächlich strahlend schön waren, und höre dem netten Herrn von der Rennleitung zu, wie er uns nun etwas von Unwettern erzählt, die gerade auf uns zurollen und davon, dass es möglich sein kann, dass es Streckenkürzungen oder sogar eine Wettkampfabsage geben wird!

Top 3 der Dinge, die man beim Ironman nicht hören will:
• Sorry, aber der Drahtesel hat‘s hinter sich.
• Oweh, das sieht mir nach akuter Diarrhö aus!
• Wir müssen das Rennen leider absagen.

Ein Race-Bingo wäre dann wohl die Kombination der drei, aber wer wird denn hier jetzt schwarzmalen? Ich schiebe den Gedanken an einen möglichen Bingo-Sieg zur Seite und bringe meinen Drahtesel zu seiner Pyjamaparty in T1. Danach geht’s zurück ins Hotel zu einem beruhigenden Hopfentee – nun heißt es abwarten.

Zeit meinen Traummann zu erobern! :-)
So lange ich darauf gewartet habe, so schnell ist er plötzlich da, der Tag aller Tage! Am Weg zum Start ist es windstill. Das friedvolle Orange des Sonnenaufgangs, zeichnet einen bunten Streifen auf den, mit wattebauschigen Wolken geschmückten, Horizont. Wettkampf-Romantik macht sich breit und gibt mir das Gefühl, als ob nichts mehr schief gehen könnte. Hatte ich gestern noch einen Ruhepuls von 180, spüre ich heute auf einmal eine unglaubliche Gelassenheit in mir und die Gewissheit: Ich bin genau da, wo ich sein soll! Genau heute und genau jetzt! Und schon laufe ich aufs Wasser zu und starte in Richtung der ersten Boje. Noch ist alles easy. Meinen Rhythmus habe ich gefunden und es geht locker von der Hand.

Nach dem ersten Drittel macht sich aber auf einmal der anrollende Sturm bemerkbar. Immer wieder ziehen Böen übers Wasser, lassen die Wellen hochpeitschen und das Starterfeld unruhiger werden. Das Ganze entwickelt sich zu einer Schlacht. Ständig klammert sich jemand an meinen Knöcheln fest, krallt seine Hände in meinen Neo, drückt mich unter Wasser oder verpasst mir einen Kinnhaken. Bei der Sichtweite von Null, fühlt es sich an, wie ein Kampf gegen einen Geist…einen wütenden Geist, der nicht vorhat, mich jemals wieder aus dem Wasser zu lassen. Trotzdem bin ich nicht aus der Ruhe zu bringen. Viel zu sehr überwiegt einfach die Freude darüber, dass schon die Hälfte der Strecke hinter mir liegt und ich immer noch kraule! Langsam gewöhne ich mich auch daran, immer wieder mal ein Anhängsel auf mir drauf zu haben – ist wohl doch noch ein kleines Seepferdchen aus mir geworden :-). Als ich aus dem Wasser komme und fröhlich meinem Rad entgegenlaufe, höre ich eine Stimme durchs Mikrophon, die lautstark ruft: „Daaaanielaaa, heeere you are! We’ve been waiting for you for soooooooo long!“ Verdammt, wie lange habe ich bitte gebraucht?! Ich hätte jetzt eigentlich nicht das Gefühl gehabt langsam gewesen zu sein, aber beschwören könnte ich es auch nicht – ihr wisst noch? Meine antike Uhr? ^^ Der Plan war, sie erst gegen Ende der Radstrecke zu aktivieren, weil sonst der Saft aus ist, deshalb laufe ich aktuell ins Ungewisse. Rausnehmen will mich aber noch niemand aus dem Rennen, somit bin ich offensichtlich auf jeden Fall noch in der Zeit.

Der Wechsel verläuft gut, auch wenn es inzwischen bereits zu regnen anfängt und ich mir eine ordentliche Portion Schlamm und die Hälfte der nassen Wiese mit meinen Socken mit anziehe. Spätestens jetzt bin ich froh, mir noch einen dünnen Pullover und meine Regenjacke eingepackt zu haben. Als ich aufs Rad aufsteige und auf die Strecke rausfahre, geht das Unwetter so richtig los. Es ist kalt, es stürmt und es schüttet wie aus Schaffeln. Während ich das Gefühl habe im Windkanal am Stand zu radeln, bewundere ich die Sportler, die mit einem Tempo an mir vorbeiziehen, als ob es bei ihnen der schönste Tag inklusive Rückenwind wäre. Irgendwann möchte ich das auch gerne können….irgendwann…aber jetzt kann ich vor allem Folgendes: mir sicher sein, dass ich mich immer noch auf Kurs in Richtung Ziel befinde und dass der Teil, vor dem ich den größten Respekt hatte, bereits hinter mir liegt. Dieser Gedanke und ein Ohrwurm von Jazz Gitti (Mein Gehirn hat einfach die fantastische Eigenschaft, die unmöglichsten Einblendungen in den unmöglichsten Situationen zu produzieren ^^), tragen mich durch das Unwetter zu T2, die ich bis zu diesem Zeitpunkt nur von den Folien aus dem Briefing kenne.

Sofort finde ich die richtige Reihe mit dem passenden Fähnchen, laufe zu meiner Startnummer und hänge mein Rad auf. Endlich ab in die Laufschuhe! Ich öffne das Race-Bag und stelle fest: DAS sind NICHT MEINE!! Oo Völlig entgeistert schaue ich auf die Schuhe Marke Unbekannt, Größe Clown und frage mich, was gerade verkehrt rennt. Ich sehe mir nochmal die Nummer auf der Aufhängung an und schaue dann an mir runter auf meine Startnummer…und wieder auf die Aufhängung. Es braucht offenbar ein wenig, bis es auch bei mir durchsickert, dass meine Startnummer 384 ist und ich gerade bei 348 stehe! ^^ Schnell bringe ich alles wieder in Ordnung und mache mich auf zum richtigen Platz und meinen Schuhen. Noch ein Schokoriegel (wenn Jazz Gitti mir schon beim Ironman singt, sie hat „Hungi“, dann kriegt sie gefälligst auch, was sie verlangt :-)) und raus auf die Laufstrecke. Nach 1,5km wird mir auf einmal richtig bewusst, wie gut es mir noch geht und dass mir das Laufen sogar unglaublichen Spaß macht. Vier Runden habe ich vor mir und für jede gibt es ein Band in einer anderen Farbe: blau, grün, rot und gelb – hat man alle, darf man in Richtung Zielgerade abbiegen.

Somit arbeite ich mich von Runde zu Runde und von Labstation zu Labstation. Kaum zu glauben, wie sehr man sich nach 30km über eine eingelegte Salzgurke freuen kann. Kurz vor der letzten Runde hört dann auch endgültig der Regen auf, der zuvor schon in ein leichtes Nieseln übergegangen war. Jetzt rennt die Zeit plötzlich wie im Flug. Die letzten 10km fühle ich mich wahnsinnig leicht. Diese Gewissheit, dass mich jetzt tatsächlich nichts und niemand mehr aufhalten kann – selbst, wenn ich auf allen Vieren ins Ziel krabbeln müsste – verpasst mir nochmal einen ordentlichen Motivationsschub. Als ich mir das gelbe Bändchen über den Arm streife und damit mein „Regenbogen“ für den Zieleinlauf fertig ist, quellen die Emotionen über. Ich spüre den Kloß in meinem Hals, merke wie dicke Freudentränen aufsteigen und versuche mich zusammenzureißen und nicht bereits auf dem letzten Kilometer komplett auszuflippen. Aber da ist sie auch schon, die Abzweigung Richtung Ziel, mein lang ersehnter Traum und es gibt einfach kein Halten mehr. Jubelnd stürme ich mit einem Affenzahn den roten Teppich, während die applaudierende Menge mit mir abfeiert, glitzernder Funkenregen für mich angeht und ich zum Sprung durch den Zielbogen ansetze……ZEITLUPE….während ich abhebe, werfe ich einen Blick auf den Bogen und realisiere, dass er mir die Uhrzeit anzeigt. Es ist 19:34. NEVER!!! Gerechnet hatte ich mit frühestens 20:00/20:30! Das MUSS ein Traum sein! Doch ich wache nicht auf, als ich lande und es durch die Lautsprecher hallt: „Daniela, YOU ARE AN IRONMAN!!!“ Und ich platze fast vor Glück. Danke Tallinn, du warst gut zu mir!! <3

3,8km Schwimmen: 1h36Min
180km Radfahren: 6h40Min
42km Laufen: 4h26Min
Gesamtzeit: 12h56Min

Sunpie Agency