Was andere laufen, das schwimm ich
Da soll nochmal jemand sagen, Triathlet*innen seien schlecht im Schwimmen….
Wenn die Garmin-Statistik eine durchschnittliche Wochen-Bilanz von 44 geschwommenen Kilometern und 12 Stunden 45 Minuten im Wasser auswirft, dann kann das nur eines bedeuten: ein Ultra-Marathon im Schwimmen steht an. Genauer: 34km quer durch den Wörthersee, von Velden ins österreichische Ironman-Mekka Klagenfurt, und retour.
Was da auf Lena und mich zukommt, sickerte langsam, als wir unsere Startunterlagen am Tag vor dem Wettkampf abgeholt haben. Die mit Gels und Riegeln prall gefüllten Verpflegungssackerl hätten gut und gerne auch fürs Krafttraining genutzt werden können, so schwer waren die. Wir hatten schon Bedenken, ob denn die für unsere Support-Crew zur Verfügung gestellten Bötchen alles über den See schippern könnten - immerhin galt es auch Essen, Trinken, Wechselgewand und allerlei Kleinkram wie Sonnencreme für die Kayaker*innen, die uns Schwimmerinnen über 10 bis 12 Stunden begleiten würden, zu transportieren. Unsere Zweifel konnten von Georg und Xenia sowie weiteren Mitarbeiter*innen vom Alpen Adria Swim Cup vor Ort, in den Wind geschlagen werden. Geduldig erklärte uns Georg den Kurs und markierte auf einem Plan die gesetzten Bojen für die Support-Crew, die am Wettkampftag die Navigation übernehmen würde, damit wir Schwimmerinnen uns auf das Wesentliche, das Schwimmen, konzentrieren können.
Das Hirn vollgestopft mit Infos, meldeten sich unsere leeren Mägen. Bei der obligatorischen Pasta Party mit Inge’s Super-Sugo und alkoholfreiem Bier zwecks Stabilisierung des Elektrolythaushalts wurden noch letzte Details geklärt und das Blutzuckermessen geübt. Es sollte sich bezahlt machen…
Fürs Schwimmen um 5:30 aufzustehen ist dank der SMTC-Frühtrainings ein Leichtes gewesen. Trotzdem musste ein Kaffee her - immerhin hatte ich vier Wochen Koffein-Abstinenz eingehalten, um die Wirkung dieser von vielen genossenen psychotropen Substanz während des Wettkampfs zu maximieren. Weiters am Speiseplan fürs Frühstück: Drei Reiswaffeln mit Marmelade und Honig. Das mutet als Frühstück vielleicht wenig an. Doch meine Diabetes-Erkrankung ist in diesem Fall eine Geheimwaffe. Nach der abendlichen Pasta Party habe ich meine Medikamenteneinstellung so angepasst, dass mein Körper möglichst viele Kohlenhydrate abspeichert und nicht über Nacht abbaut. Ich bedurfte also keines großen Frühstücks, das mir womöglich noch Übelkeit bereitet hätte. Die Reiswaffeln mit einer kleinen Menge Insulin waren genug, um nicht mit leerem Magen an den Start zu gehen und den Stoffwechsel anzukurbeln. Bevors ab zum Wettkampfgelände ging, gabs noch einen extra Energiekick: mein bester Freund hat ein superliebes Motivations-Video gedreht, das mir während dem Schwimmen immer wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubern sollte. Gar nichts zu lachen hätten hingegen Mode-Aficionados gehabt, wenn sie mich auf dem Weg zum Start gesehen hätten: mein in die Jahre gekommener Neopren, gezeichnet von 12 Jahren Freiwasserschwimmen und einigen Trainings im chlorierten Stadionbadbecken, wurde mit einer dicken Haube kombiniert. Meine Füße steckten in Socken Marke “Hauptsache warm” und einer halbherzigen Adiletten-Abklatsche.
Das Startgelände lag noch im Halbschatten und die Sonne warf ihre ersten schüchternen Strahlen über die glatte Wasseroberfläche, als wir Sports Monkeys eintrudelten. Während Lena und ich uns aufwärmten, nahm Georg die Supporter*innen zur Seite und eröffnete ihnen, dass zwar wie am Vortag ausgemacht zwei Zweisitz-Kayaks bereit stehen würden, aber statt eines Einsitzers nun doch ein Stand-Up-Paddle reichen müsse. Rick sprintete los, um seinen Neo aus dem Quartier zu holen, damit er die SUP-Begleitung stellen kann. Gleichzeitig begann geschäftiges Treiben: die Kayaks wurden beladen, die Neos geflutet und kurz Smalltalk mit dem dritten Ultramarathoni, einem sichtbar nervösen Franzosen ohne Neopren, geführt. Ob ich aufgeregt war, kann ich rückblickend nicht mehr sagen. Was ich weiß: ich konnte es kaum erwarten, endlich loszuschwimmen, konnte nicht aufhören zu schmunzeln eingedenk der Tatsache, dass ich jetzt einer meiner liebsten Aktivitäten in einem der schönsten Seen Österreichs umgeben von mir ans Herz gewachsenen Menschen nachgehen durfte. Letzte Glückwünsche von Robert & Inge, die es sich nicht haben nehmen lassen, so früh aufzustehen. Ein paar Umarmungen. Aufmunternde und ermutigende Worte von Georg. Ein kurzer Countdown. Ein dröhnendes Startsignal. Und ab ging’s um kurz nach 6:30. Flankiert von den Kayaks glitten wir durchs Wasser, der Sonne entgegen, wie Krieger*innen in überdramatischen Hollywood-Filmen, die in die Schlacht ziehen.
Ein Kampf sollte es definitiv noch werden. Doch zunächst lief alles rund: ich fand einen guten Rhythmus, obwohl ich schnell von dem in der Vorbereitung für am angenehmsten befundenen 4er-Atemzug auf einen 3er wechseln musste; die Musik, die ich mir am Vortag noch schnell auf Rick’s Kopfhörer laden musste weil meine, wie sollte es anders sein, just vor dem Wettkampf in ihre Einzelteile zerfallen sind, pushte mich gehörig; und Stefan & Katja im Kayak lotsten mich souverän von Boje zu Boje, die ich sicherheitshalber “hintenrum” umschwommen habe, um nicht des Abkürzens bezichtigt zu werden. Nach der ersten Stunde: die erste Verpflegungspause. Ein schnelles Gel mit 20g Kohlenhydraten (danke, Wunderwaffe Diabetes!) und weiter ging’s. Schon bei der zweiten Pause mussten Stefan und Katja ein wenig Krisenmanagement betreiben, denn mein Blutzuckersensor hatte die Verbindung verloren. Ich war also quasi im diabetischen Blindflug unterwegs. In weiser Voraussicht hatten wir uns schon darauf eingestellt und ein Blutzuckermessgerät zum blutig Messen eingepackt. Woran wir nicht gedacht hatten: es aufzuladen. Vorbereitet, wie wir waren, hatten wir auf Lenas Begleit-Kayak ein weiteres, batteriebetriebenes Messgerät deponiert. Kurz Nico & Tamara anfunken, unseren Springer Rick am SUP zum Boten umfunktionieren und einige Minuten später, die ich natürlich zum Weiterschwimmen genutzt habe, konnten wir meinen Blutzuckerwert mit dem Ersatz-Messgerät bestimmen. Er war deutlich niedriger als erhofft und erwartet, weswegen wir die Ernährungsstrategie adaptieren mussten. Ich hatte Bedenken, ob mein Körper die höhere Kohlenhydratzufuhr bei anhaltender Aktivität vertragen würde. Die sollten sich jedoch als null und nichtig erweisen.
Die Schlangeninsel bei Pörtschach war mein erster mentaler Anker. Dort war etwa ein Viertel der Gesamtstrecke geschafft. Als kleine Belohnung gabs eine Pause in der “Karibik des Wörthersees”, wo uns die aus Klagenfurt kommenden 17,5km-Schwimmer*innen samt SUP-Begleitung entgegenkommen. Bald schon sollte auch für mich Klagenfurt in Sichtweite kommen, was jedoch nichts zu bedeuten hatte, wie ich von der letztjährigen Seequerung wusste: diese Stadt kommt und kommt gefühlt einfach nicht näher. Eine leichte Gegenströmung hat das Gefühl, dass Klagenfurt unerreichbar ist, noch verstärkt. Außerdem begannen zu dem Zeitpunkt, etwa bei Kilometer 13, die ersten leichten Schmerzen an mir zu nagen. Zu den Schulterschmerzen, die ich aus den Trainings schon kannte und die mir daher wenig Kopfzerbrechen bereiteten, gesellten sich Hüftschmerzen. Da fiel mir dann meine Vorliebe für den Pullbuoy im Training auf den Kopf: das Tool ist zwar super für die Kräftigung der Schultern und die Rumpfstabilität im Wasser, aber die Hüftmuskulatur, die für den Kraulbeinschlag nötig ist, wird damit entlastet. Um die Schmerzen zu lindern, begann ich mich während dem Schwimmen aufzudehnen und auszulockern. Wie? Arme weiterkraulen lassen und mit den Beinen imaginär Radfahren. Auch eine Wohltat: die Katze-Kuh, die Yoginis nur zu gut kennen.
Dann, endlich: Klagenfurt. Zu dem Zeitpunkt hatte ich meine Playlist auf den Kopfhörern das erste Mal komplett durchgehört, es ging also sowohl Strecken-mäßig als auch von der Musik in die zweite Halbzeit. Die Gewässer rund um Klagenfurt sind mir seit den Ironman-Camps mit den Monkeys bestens bekannt, ich konnte mich also auch im Kopf etwas entspannen: ich erkundigte mich nach Lena und Robert, der seine erste 10km-Distanz an diesem Tag bezwingen würde; ich fokussierte mich kurz auf meine Technik, damit die zweite Hälfte des Wettkampfs nicht ein ästhetisches Formdebakel würde. Das kündigte sich nämlich langsam aber sicher an, weil nun auch meine Hände komisch zu kribbeln begannen. Ich erinnerte mich an letztes Jahr, als bei der einfachen Seequerung Sehnenschmerzen in den Unterarmen und im Ringfinger meine ständigen Begleiter waren. Zum Glück hatte ich das Faustschwimmen daher geübt, um die Sehne kurzzeitig zu entlasten und die in ihrer Position versteinerten Finger wieder beweglicher zu bekommen.
Dass der Tag schon lang war, machte sich insofern bemerkbar, als Katja & Stefan zum wiederholten Male Sonnencreme schmierten und ihre Kleidung wechselten. In der Früh waren sie noch langärmlig losgefahren, zwischenzeitlich paddelten sie nur mit Badeanzug oder kurzen Leiberl bekleidet, jetzt wurden nach kurzen Schwimmeinheiten an meiner Seite wieder die Langarmshirts angezogen. Auch mir machte die Kälte im Wasser zu schaffen: mein Hals tat höllisch weh, beim Schlucken fühlte er sich wie Schmirgelpapier an. Noch dazu war dann auch noch der Akku der Kopfhörer leer, ich musste also meine interne Jukebox anwerfen: immer und immer wieder ging ich das ABC durch, suchte in den hintersten Winkeln meines Denkapparats zu jedem Buchstaben ein Lied und sang es mal laut ins Wasser, mal still in mich hinein. Um meinen mentalen Durchhänger zu überbrücken, gab es statt Gels nur noch Nervennahrung in Form von Schokokeksen und Marmorkuchen sowie eine lange Umarmung, bei der der Temperaturunterschied zwischen Stefans und meinem Körper größer nicht hätte sein können. Ein kurzer Blick auf die Uhr: 23km erst rum. Demotiviert blickte ich in die Runde: 10km ist einerseits nicht mehr viel, es wäre ein kurzer bis mittellanger Trainingstag. Allerdings fühlte es sich zu dem Zeitpunkt so an, als wäre jeder geschwommene Meter 3x so lange. In solchen Momenten ist eine Support-Crew am wichtigsten: um eine*n mental wieder aufzurichten. Und das taten sie. Rick konnte mir glaubhaft versichern, dass nach der nächsten Landzunge bei Maria Wörth das Ziel praktisch in Reichweite sei. Stefan hatte meine Schwester nach Musikempfehlungen gefragt und mir einen unserer Sister-Songs am Handy abgespielt. Und Katja erzählte mir die tragisch-komische Geschichte der Doppelkekse, die jetzt nur noch ein Brei waren.
Die letzten Kilometer waren gezeichnet von leichter Übelkeit. Der Fähr- und allgemeine Bootsverkehr hatte ab dem Vormittag immer wieder ordentlich Wellen gemacht. Immer wieder düsten Motorboote knapp an uns vorbei, deren Motoren Unterwasser gehörig Lärm machten. Die Wellen, die den Gleichgewichtssinn durcheinander brachten, kombiniert mit dem Dröhnen der Bootsmotoren und den überzuckerten Keksen machten mich etwas seekrank. Aber jetzt aufzugeben, das hätte ich mir nie verziehen. Außerdem dachte ich mir “Bis jetzt wer da ist, um mich hinzubringen, dauert’s. Da kann ich gleich weiterschwimmen”. Es waren immerhin nur mehr 7km. Das Ende des Sees war schon zu erahnen, für meine Begleitung am SUP und im Kayak. Meine Augen hingegen konnten nicht mehr fokussieren, ich hielt nur noch Ausschau nach dem knallgelben Gummiboot mit Stefan & Katja darin, was durch meine beschlagene Brille nicht mehr als ein gelbes Etwas war. Bald schon kam ein anderer grellgelber Klecks in Sichtweite: der Teppich unter dem AASC-Zielbogen in Velden. Wie abgemacht paddelte meine Support-Crew zügig voraus, um im Ziel auf mich warten zu können. Das Ziel war schon in greifbarer Nähe, als ich begann, lautes Klatschen und Jubeln zu hören. Von da an konnte ich nicht mehr aufhören, ein breites Grinsen im Gesicht zu tragen. Langsam ging das Türkis des Wassers ins gräuliche Hellbraun des Seebodens über. Als nur noch wenige Zentimeter Wasser den Boden bedeckten, setzte ich meine Handflächen in den Sand, stellte mich auf die Füße und tapste wie ein Rehkitz bei einem Erdbeben der Stärke 8 in Richtung Zielbogen. Der Weg dorthin war gesäumt von der Monkeys-Crew an vorderster Front, dahinter weitere Schwimmer*innen, Helfer*innen. Es ist ein selten schönes Gefühl, auch als letzte*r Athlet*in noch so herzlich im Ziel begrüßt zu werden. Bald nahmen mich Georg und Xenia sichtlich erleichtert im Ziel mit einem Doppel-Highfive und der Medaille in Empfang. Noch außer Atem und in Wettkampfmontur dankte ich ihnen für die Organisation des Events und das will ich auch an dieser Stelle noch einmal tun. Denn so ein Unterfangen steht und fällt mit der Vorbereitung und Organisation. Es macht einen riesen Unterschied für die Performance beim Wettkampf, ob man sich als Athlet*in gut aufgehoben und betreut durch das Organisationsteam fühlt oder nicht. Beim AASC fühlte ich mich zu jeder Zeit gut aufgehoben, meine Zweifel und Bedenken wurden ernst genommen und gehört, und die Kommunikation auf Augenhöhe trug wesentlich dazu bei, dass mein Vertrauen in den Erfolg dieses kleinen Abenteuers anhielt.
Was macht man, wenn man gerade 35km in 11 Stunden und 46 Minuten durch einen See geschwommen ist? Genau: man geht zurück ins Wasser. Prinzipiell bin ich keine esoterisch veranlagte Person, aber zu dem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, mich bei dem See bedanken zu müssen. Er hatte mir eine der wunderbarsten Herausforderungen meines bisherigen sportlichen Lebens geschenkt. Er hatte mich getragen, mich mit ihm arbeiten lassen, mich über mich hinauswachsen lassen. Er schenkte mir noch einen Moment der Stille, als ich den Neo halb abgestreift am Rücken auf seiner Oberfläche schwebte, den Trubel im Zielgelände ausblenden und mich zentrieren konnte. Es kam der Zeitpunkt, da ich meinen Frieden geschlossen hatte und bereit war, mich wieder unter die Menschen zu mischen. Zielfotos von der Affenbande wurden geschossen, Anekdoten mit Lena zu ihrer Schwimmleistung ausgetauscht und meine Gedanken zu der Erfahrung, die ich bis heute nicht ganz habe sacken lassen können, besprochen. Auch, wenn dieser Moment und diese Emotionen im Ziel gut und gerne noch länger hätten dauern können, ging es rasch zurück ins Appartement, wo die lang ersehnte heiße Dusche und ein warmes Bett auf mich warteten. Die Koffeingels ließen mich noch rund zwei Stunden wach liegen, was mir die Möglichkeit gab, meine Gedanken zu sortieren.
Ungläubig stellte ich fest, dass ich noch nie so lange am Stück gelaufen bin, wie ich gerade geschwommen bin.
Ebenso unglaublich war es, dass ich mir hierbei keinen Knutschfleck von meinem Neo eingehandelt habe. Ebensowenig hatte mich mein Bikinioberteil wie im Training aufgeschürft, da ich es diesmal mit der Innenseite nach außen getragen hatte. Und einen Sonnenbrand samt komischer Tanlines hatte ich mir im Gegensatz zu Lena und Rick auch nicht eingehandelt;) Nach einem letzten Blick auf meine Garmin, die mir ganz Garmin-like als Trainingsstatus “keinen Zustand” attestierte, schlief ich ebenso erschöpft wie erleichtert ein.
Zum Thema
https://tri.sportsmonkeys.at/news/2025/09/woerthersee-34-km-schwimmen/
https://www.alpenadriaswimcup.at/w%C3%B6rthersee-13-09-2025
Podcast - Ausdauer und Adrenalin von Pascal Pavlik
https://open.spotify.com/episode/3MBbOc9Y3SulkVeh2D079Y?si=-9d2RXqwR1Wp7IdX2PQQcw&nd=1&dlsi=ec67e1fee66f41af